Die zwei Zahlen, auf die es ankommt
Es gibt zwei Wege, die Frage „Wie viel brauche ich für den Ruhestand?“ zu beantworten. Beide führen zum selben Ergebnis, nur von entgegengesetzten Enden aus:
- Die 25er-Regel: Dein Ruhestandsvermögen beträgt grob das 25-Fache deiner jährlichen Ausgaben
- Die 4-%-Regel: Ein Portfolio kann dauerhaft Entnahmen von etwa 4 % des Startwerts pro Jahr tragen
Beide stammen aus derselben Forschungsfamilie zu Entnahmestrategien im Ruhestand (William Bengens Studie zur sicheren Entnahmerate von 1994 und die Trinity-Studie von 1998) und sind rechnerisch identisch: 1 ÷ 4 % = 25.
Wichtiger Kontext: Dieser Artikel arbeitet mit dem US-Rahmen (Dollar, Social Security, 401(k)). Die zugrunde liegenden Studien basieren auf historischen US-Aktien- und Anleihenrenditen. Für deutsche Leser ist das ein Denkmodell, das du auf die gesetzliche Rente, betriebliche und private Vorsorge übertragen kannst, aber keine fertige Anleitung für Deutschland.
Wer $60.000 pro Jahr ausgibt, braucht etwa $1,5 Mio. Bei $40.000 sind es $1 Mio. Senkst du deine Ausgaben um 20 %, sinkt auch dein Ziel um 20 %.
Prüfe, wie weit du bist
Gib dein aktuelles Vermögen, deine Sparrate und deinen Zeithorizont ein. Das Standardszenario: Eine 30-jährige Person spart $800 im Monat, geht mit 65 in Rente, erzielt vor der Rente 7 % Rendite und danach 4 %, bei 2,5 % Inflation. Die Ausgaben werden in heutigen Dollar eingegeben und jedes Jahr um die Inflation erhöht. Deshalb ist das Geld im Standardplan um das 80. Lebensjahr aufgebraucht. Erhöhe die monatliche Sparrate und sieh, was die Lücke schließt (bei $1.500 im Monat reicht das Geld über das 90. Lebensjahr hinaus):
Was die 4-%-Regel wirklich besagt
Die 4-%-Regel ist die Kurzform für: „Wer im ersten Jahr 4 % seines Startvermögens entnimmt und diesen Betrag danach jedes Jahr an die Inflation anpasst, wäre in keinem historischen 30-Jahres-Zeitraum pleitegegangen.“
Sie setzt voraus:
- Einen Aktienanteil von 50–75 %
- Einen Ruhestand von 30 Jahren
- Entnahmen aus einem steuerbegünstigten Portfolio
Die zugrunde liegenden Studien testen historische Renditen von US-Aktien und -Anleihen zurück. Die Regel beschreibt also, was in der Vergangenheit funktioniert hätte. Eine Garantie für künftige Märkte ist sie nicht.
Sie berücksichtigt nicht:
- Lebensspannen von mehr als 30 Jahren (früher Ruhestand)
- Reihenfolgerisiko (schlechte Börsenjahre in den Jahren 1–5 können die Regel zerstören)
- Veränderte Ausgaben (die meisten Rentner geben mit über 80 weniger aus)
Für Frühruheständler (FIRE) rechnen viele Planer vorsichtiger mit einer Entnahmerate von 3,25–3,5 %, also dem 28- bis 31-Fachen der Ausgaben. Für klassische Rentner Ende 60 bleiben 4 % ein brauchbarer Startpunkt, und manche Pläne tragen 4,5–5 %, wenn der Zeithorizont kürzer ist oder die Ausgaben flexibel sind.
Richtwerte fürs Sparen nach Alter
Fidelity veröffentlicht oft zitierte Richtwerte nach Alter als Vielfaches des Jahresgehalts:
| Alter | Zielwert als Vielfaches des Gehalts |
|---|---|
| 30 | 1× |
| 35 | 2× |
| 40 | 3× |
| 45 | 4× |
| 50 | 6× |
| 55 | 7× |
| 60 | 8× |
| 67 | 10× |
Eine 40-jährige Person mit $80.000 Gehalt hätte also ungefähr $240.000 als Richtwert. Diese Ziele setzen voraus: Ruhestand mit 67, langfristig aktienlastiger Mix und Beiträge von etwa 15 % des Gehalts inklusive Arbeitgeberzuschuss. Das passt zu dem, was der 401(k)-Rechner für dieselben Eingaben zeigt. (Der 401(k) ist das US-Modell der betrieblichen Altersvorsorge, bei dem Beschäftigte steuerbegünstigt einzahlen und der Arbeitgeber oft etwas dazugibt.)
Liegst du zurück, ist Panik der falsche Weg. Erhöhe deine Sparquote um 1–2 Prozentpunkte und gib dem Zinseszins mehr Zeit. Warum schon ein paar zusätzliche Beitragsjahre so viel ausmachen, erklärt der Zinseszins-Ratgeber.
Social Security nicht vergessen
Die US-Rentenversicherung (Social Security Administration) schätzt die durchschnittliche Rente eines Altersrentners nach der Anpassung 2026 (COLA) auf etwa $2.071 pro Monat ($24.852 pro Jahr). Die Höchstrente bei Rentenbeginn zum regulären Rentenalter beträgt 2026 $4.152 pro Monat.
Aktuelle Zahlen kannst du im SSA-Faktenblatt zur COLA 2026 nachprüfen.
Dieses Einkommen senkt, was dein Portfolio tragen muss. Gibst du $60.000 im Jahr aus und rechnest mit $24.000 pro Jahr aus Social Security:
- Das Portfolio muss $36.000 pro Jahr decken
- Das 25-Fache davon = $900.000 Zielvermögen
Das sind 40 % weniger bei deiner „Zahl“. Das ist so viel, dass das Ignorieren der staatlichen Rente zu Übersparen führen kann, besonders bei Normalverdienern, deren Rente einen spürbaren Teil des früheren Einkommens ersetzt. Das Prinzip gilt auch hierzulande: Rechne die gesetzliche Rente ein, bevor du deine Zielsumme festlegst.
Inflation: der stille Killer
Bei 3 % Inflation steigen deine Lebenshaltungskosten über einen 30-jährigen Ruhestand auf das etwa 2,4-Fache. Brauchst du heute $60.000 pro Jahr, kostet derselbe Lebensstandard im Jahr 30 rund $145.000.
Deshalb ist die 4-%-Regel inflationsbereinigt: Der Entnahmebetrag wächst jedes Jahr. Pläne mit einem festen Nominalbetrag („Ich gebe für immer $50.000 im Jahr aus“) laufen schleichend ins Leere.
Ein aktienlastiges Portfolio ist der wichtigste Inflationsschutz im Ruhestand. Anleihen, Bargeld und Festgeldleitern (CD-Ladders) eignen sich gegen das Reihenfolgerisiko und für kurzfristige Ausgaben, doch das langfristige Wachstum muss aus Aktien kommen.
FIRE: Wie sich die Rechnung ändert
Die Bewegung „Financial Independence / Retire Early“ nutzt dieselbe Mathematik, mit zwei Besonderheiten:
- Höhere Sparquote: oft 40–70 % des Einkommens statt der klassischen 15 %
- Vorsichtigere Entnahmerate: 3,25–3,5 % (28- bis 31-Faches der Ausgaben), um den längeren Ruhestand abzudecken
Eine 30-jährige Person mit $100.000 Einkommen, die 50 % spart, erreicht bei 5 % realer Rendite (nach Inflation) in etwa 17 Jahren die finanzielle Unabhängigkeit. Wer bei gleichem Einkommen 15 % spart, braucht rund 43 Jahre. In der Aufbauphase zählt die Sparquote viel mehr als die Rendite.
Häufige Fehler
- Eine runde Zahl ohne Rechnung anpeilen. „Ich will mit $1 Mio. in Rente“ passt, wenn du $40.000 im Jahr ausgibst. Bei $80.000 reicht es nicht.
- Von einem flachen Markt ausgehen. Pläne ohne Reihenfolgerisiko scheitern genau in den Jahren, in denen sie getestet werden.
- Krankenversicherung vor Medicare (ab 65) unterschätzen. Frühruheständler liegen hier oft um $1.000–$2.000 im Monat daneben. (In den USA gibt es vor 65 keine staatliche Krankenversicherung für Rentner. In Deutschland ist die Situation anders.)
- Beiträge bei Gehaltserhöhungen nicht anheben. Wer die Sparquote mit jeder Erhöhung um 1 Prozentpunkt steigert, hat nach Jahrzehnten ein spürbar größeres Vermögen.
Das Wichtigste in Kürze
- Die 25er-Regel und die 4-%-Regel sind dieselbe Gleichung
- Deine tatsächliche Zahl ist oft niedriger als gedacht, sobald die staatliche Rente (in den USA Social Security) eingerechnet ist
- Für den frühen Ruhestand nimmst du eine vorsichtigere Entnahmerate von 3,25–3,5 % (28- bis 31-Faches)
- Deine Sparquote ist wichtiger als die Rendite deiner Anlagen
- Bei 3 % Inflation sind deine Lebenshaltungskosten nach 30 Jahren etwa 2,4-mal so hoch
- Teste mit dem Rechner oben, wie mehr Sparen pro Monat oder ein anderes Rentenalter die Dauer deines Vermögens verändert